Inklusion auf Griechisch

„Oma, schummelst du?“ Die 80-Jährige grinst schelmisch und greift die nächste Karte vom Stapel. Ihr Gegenüber liest die aufgedeckten Zahlen vor. Pénte. Eptà. „Ein bisschen Griechisch kann ich – durch die Oma.“ Die Oma, die er fast täglich nach seiner Arbeit in den Dillenburger Werkstätten besucht. Und die in Wahrheit gar nicht seine leibliche Oma…

Mehrgenerationen-Familie spielt Kartenspiel mit Masken am Küchentisch, Mädchen schaut in die Kamera.

„Oma, schummelst du?“ Die 80-Jährige grinst schelmisch und greift die nächste Karte vom Stapel. Ihr Gegenüber liest die aufgedeckten Zahlen vor. Pénte. Eptà. „Ein bisschen Griechisch kann ich – durch die Oma.“ Die Oma, die er fast täglich nach seiner Arbeit in den Dillenburger Werkstätten besucht. Und die in Wahrheit gar nicht seine leibliche Oma ist. Doch das ist egal. „Denn die Familie Faitas ist ja wie meine eigene Familie.“

Tobias Weigel aus Burg ist gerade einmal 14 Jahre alt, als er seine Eltern verliert und an einem Hirntumor erkrankt. Nach einer Operation bleiben Schäden zurück. Der Junge trägt eine Behinderung davon. Muss vieles neu erlernen. Sprechen. Laufen. Er lebt von da an bei seiner Tante, denn seine Großeltern sind ebenfalls verstorben. Im Burger Bistro Ilios, das von Illias Faitas betrieben wird, feiert er einige Jahre später seinen Geburtstag. Es wird spät. Die Schwester des Besitzers, Evropi, entscheidet, den Jungen mit der auffälligen Gangart nach Hause zu fahren. Zum Abschied sagt sie ihm: „Morgen kommst Du zu uns, ich koche für dich.“

Ein Satz, der weite Kreise zieht. Denn Tobias kommt nicht nur am nächsten Tag. Sondern auch am darauffolgenden. Und an dem danach. „Am liebsten mochte ich immer die gefüllte Paprika. Und die gefüllten Weinblätter. Und die Joghurtsuppe.“ Tobias wird Dauergast in der Familie Faitas. Ein gerngesehener. „Mir hat der Junge leidgetan“, sagt die 54-jährige Evropi Faitas, die von allen nur Wulla genannt wird. Sie erinnere sich noch, wie seine Mutter ihn im Kinderwagen durch den Ort gefahren habe. „Ein süßes Baby mit so schönen blauen Augen. Und dann so ein schlimmes Schicksal. Da musste man doch helfen.“

Tobias wächst der Großfamilie ans Herz. So sehr, dass sich die Griechen zusätzlich zu seiner verbliebenen Familie um ihn kümmern, er sogar mit in den Griechenland-Urlaub reist und Familienfeste mitfeiert. Er gehört irgendwann einfach dazu. „Für mich wie ein Sohn, für meine Kinder wie ein Bruder, für meine Mutter wie ein Enkel“, erzählt Wulla. Auch ihre Enkeltochter Ekaterina sei bereits verrückt nach „Onkel Tobbi“.

Insbesondere „Oma“ Parthena und Tobias verbindet eine enge Vertrautheit – aber auch allerhand Schabernack. „Die beiden zusammen…“ Wulla lacht und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Dann erzählt sie davon, wie ihre Mutter und er gemeinsam am Spielautomaten im Bistro Geld verzockt haben. Oder wie die beiden beim gemeinsamen Kochen bereits mehrfach die Küche verwüstet haben.

Heute ist Tobias 36 Jahre alt. Er lebt allein, wird durch das ambulant-betreute Wohnen der Lebenshilfe Dillenburg in seinem Alltag unterstützt. Medikamente helfen ihm gegen epileptische Anfälle. Und doch ist Wulla stets besorgt um ihren Schützling. Darum meldet sich Tobias immer morgens und abends, um Bescheid zu geben, dass es ihm gut geht. Es habe auch schwierige Phasen gegeben, sagt sie. Phasen, in denen Tobias auch stationär behandelt werden musste. „Manche Leute haben schon gefragt, warum ich mir diese große Verantwortung zutraue. Ich sage: Weil ich das will. Ich helfe, weil es mir selbst guttut – und Tobi gibt einem viel zurück. Er fragt auch immer, was er für uns einkaufen soll, spielt und spricht mit meiner Mutter. Das tut ihr auch gut.“ Außerdem sei sie ja nicht allein mit der Verantwortung. Es sei gut, dass es die Lebenshilfe gebe. „Gemeinsam haben wir ein Auge auf Tobias.“

Parthena hat sich inzwischen mit ihrem Gehwagen zu ihrem Bett begeben. Tobias reicht ihr eine Flasche Wasser. „Oma, du musst viel trinken. Das ist wichtig.“ Dann reden sie. Über griechische Gewürze. Über ungesundes Essen, das laut Parthena „dick wie Elefant“ macht. Über das Leben. Über Schicksalsschläge. Deutsch und Griechisch vermengt sich. Wulla lächelt, schließt die Tür und lässt die beiden allein.

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