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„Menschen wie ich fallen durchs Raster“

„Menschen wieder in den Arm nehmen zu dürfen.“ Das wünscht sich Jessica Klaudy. Für die Zeit nach Corona. „Denn das ist es, was mir am meisten fehlt. Das Zwischenmenschliche.“ Die 33-Jährige ist aufgrund ihrer Behinderung seit einem Jahr fast durchgängig daheim. Sie zählt zur Risikogruppe – und fühlt sich von der Politik übersehen. „Menschen wie…

Jessica Klaudy verpackt Produkte im Homeoffice mit Sauerstoffgerät an einer Versiegelungsmaschine.

„Menschen wieder in den Arm nehmen zu dürfen.“ Das wünscht sich Jessica Klaudy. Für die Zeit nach Corona. „Denn das ist es, was mir am meisten fehlt. Das Zwischenmenschliche.“ Die 33-Jährige ist aufgrund ihrer Behinderung seit einem Jahr fast durchgängig daheim. Sie zählt zur Risikogruppe – und fühlt sich von der Politik übersehen. „Menschen wie ich benötigen viel mehr Aufmerksamkeit – gerade in dieser Zeit.“

Als Jessica Klaudy 13 Jahre alt war, erhielt sie die Diagnose Skoliose. Die Verkrümmung der Wirbelsäule sei inoperabel, sagten ihr die Ärzte. Das Risiko einer Querschnittslähmung zu groß. Die Beeinträchtigungen nahmen im Laufe der Jahre immer weiter zu. Die Lungenfunktion ist beeinträchtigt, Herzrhythmusstörungen kamen hinzu. Seit einem Jahr ist die Herbornerin auf ein mobiles Sauerstoffgerät angewiesen. Eine Erkrankung mit Covid-19 wäre für sie lebensbedrohlich.

„Ich weiß noch, dass ich gerade mal eine Woche lang mit dem Sauerstoffgerät zur Arbeit gefahren bin, als die Werkstätten wegen des Lockdowns schließen mussten. Als sie dann wieder öffnen durften, blieb ich mit Attest daheim.“ Dass dieser Zustand ein Jahr andauern würde, hatte sie nicht erwartet. „Ich vermisse die Arbeit sehr, vor allem, weil ich dort unter Menschen bin.“ Seit 2015 ist sie auf einem Außenarbeitsplatz der Dillenburger Werkstätten bei der Firma Bretthauer beschäftigt. Gruppenleitung und Sozialer Dienst versorgen sie seit der Pandemie regelmäßig mit etwas Heimarbeit. Aktuell verschweißt sie Kleinteile.

Ansonsten ist ihr Alltag eintönig: fernsehen, malen, mal einkaufen, wenn ihr körperlicher Zustand es zulässt. Sie sei unruhig und liege viel wach. „Irgendwann fällt einem auch nichts mehr ein. Das macht mich kirre. Man fragt sich morgens, wozu man eigentlich aufstehen soll. Und wie lange das so weitergehen soll.“ Ihre Hoffnung: die Impfung. „Doch ich gehöre trotz meiner Erkrankung nicht zu den ersten beiden Kategorien.“

Menschen mit Behinderungen werden laut ihr von der Politik in der Pandemie häufig nicht wahrgenommen. „Dabei ist es doch so, dass gerade in unseren Werkstätten überwiegend Menschen mit Vorerkrankungen arbeiten und in unseren Wohnheimen Menschen mit Vorerkrankungen leben.“ Ihr Appell an die Politik: genauer hinsehen. „Menschen wie ich fallen durchs Raster, weil ich zu jung bin und nicht die entsprechenden Kriterien erfülle.“ Da erfordere es ein Umdenken. Damit sie irgendwann wieder einen Alltag hat. Mit Arbeit. Mit Freunden. Trotz Pandemie.

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